Steigen Psychische Belastungen an

Organisation & Struktur

Steigen psychische Belastungen wirklich an – oder sehen wir heute genauer hin?

Eine Einordnung zwischen Arbeitswelt, Gesellschaft und psychischer Gesundheit

Wer sich mit psychischer Gesundheit in Organisationen beschäftigt, begegnet einer scheinbar eindeutigen Beobachtung:

Psychische Belastungen nehmen zu.

Krankenkassen berichten seit Jahren über steigende Fehlzeiten aufgrund psychischer Erkrankungen. Depressionen, Angststörungen und Anpassungsstörungen gehören mittlerweile zu den häufigsten Ursachen für längere Arbeitsunfähigkeiten. Psychisch bedingte Ausfallzeiten haben sich zu einem zentralen Thema in Organisationen entwickelt.

Doch was bedeutet diese Entwicklung eigentlich?

Werden Menschen tatsächlich psychisch kränker?

Werden die Arbeitsbedingungen immer belastender?

Oder erkennen und benennen wir heute psychische Belastungen lediglich besser als früher?

Die Antwort ist komplexer, als es viele öffentliche Debatten vermuten lassen.

 

Was die Daten tatsächlich zeigen

In einem Punkt ist die Datenlage vergleichsweise eindeutig:

Psychisch bedingte Arbeitsunfähigkeiten und entsprechende Diagnosen haben in den vergangenen Jahren zugenommen.

Der DAK-Psychreport, die Gesundheitsberichte der Techniker Krankenkasse sowie weitere Krankenkassen- und Bevölkerungsstudien zeigen übereinstimmend einen langfristigen Anstieg psychisch bedingter Fehltage. Besonders Depressionen, Angststörungen und Belastungsreaktionen spielen dabei eine wichtige Rolle.

Weniger eindeutig ist allerdings die Frage nach den Ursachen.

Denn aus steigenden Diagnosen lässt sich nicht automatisch ableiten, warum diese Entwicklung stattfindet.

 

Erklärung 1: Die Arbeitswelt wird komplexer

Ein häufig diskutierter Erklärungsansatz bezieht sich auf die Veränderungen der Arbeitswelt.

Viele Belastungen moderner Arbeitswelten unterscheiden sich deutlich von den Belastungen früherer Generationen.

Während körperliche Belastungen in vielen Bereichen zurückgegangen sind, haben andere Anforderungen zugenommen:

  • permanente Veränderungsprozesse
  • steigende Informationsdichte
  • hohe Komplexität
  • zunehmende Unsicherheit
  • widersprüchliche Erwartungen
  • beschleunigte Kommunikationsprozesse
  • höhere Anforderungen an Selbststeuerung

Insbesondere Führungskräfte erleben häufig Zielkonflikte, die sich nicht vollständig auflösen lassen.

Kosten reduzieren und gleichzeitig Mitarbeitende binden.

Veränderungen umsetzen und gleichzeitig Stabilität vermitteln.

Leistung steigern und gleichzeitig Gesundheit fördern.

Solche Spannungsfelder können psychische Belastungen erzeugen, ohne dass einzelne Personen oder Organisationen zwangsläufig „schuld“ sind.

 

Erklärung 2: Wir diagnostizieren heute anders

Ein zweiter Erklärungsansatz liegt in der veränderten Wahrnehmung psychischer Gesundheit.

Psychische Erkrankungen werden heute häufiger erkannt, diagnostiziert und behandelt als noch vor wenigen Jahrzehnten.

Hausärztinnen und Hausärzte sind sensibilisierter.

Diagnostische Verfahren wurden weiterentwickelt.

Psychische Gesundheit ist gesellschaftlich sichtbarer geworden.

Gleichzeitig hat die Enttabuisierung psychischer Erkrankungen dazu geführt, dass Betroffene häufiger Unterstützung suchen.

Ein Teil des beobachteten Anstiegs könnte deshalb darauf zurückzuführen sein, dass Beschwerden heute früher erkannt und benannt werden.

Anders formuliert:

Nicht alles, was heute statistisch sichtbar wird, ist zwangsläufig neu entstanden.

 

 

Erklärung 3: Gesellschaftliche Veränderungen

In vielen Diskussionen richtet sich der Blick schnell auf Organisationen.

Dabei könnten auch gesellschaftliche Entwicklungen eine wichtige Rolle spielen.

Viele Menschen erleben heute:

  • mehr Wahlmöglichkeiten
  • mehr Eigenverantwortung
  • höhere Ansprüche an Selbstverwirklichung
  • stärkere soziale Vergleichsmöglichkeiten
  • weniger stabile Lebens- und Berufsbiografien
  • permanente digitale Verfügbarkeit
  • eine zunehmende Beschleunigung gesellschaftlicher Prozesse

Digitale Medien verstärken diese Entwicklungen zusätzlich.

Die Folge kann ein dauerhafter Druck sein, den eigenen Ansprüchen, gesellschaftlichen Erwartungen und beruflichen Anforderungen gleichzeitig gerecht werden zu müssen.

Auch dies kann psychische Belastungen fördern – unabhängig von der konkreten Organisation.

 

Sind Menschen heute weniger widerstandsfähig?

Diese Frage wird regelmäßig gestellt.

Und sie verdient eine ernsthafte Betrachtung.

Tatsächlich lässt sich aus der aktuellen Studienlage jedoch nicht eindeutig ableiten, dass Menschen grundsätzlich weniger belastbar geworden sind.

Ebenso wenig lässt sich die These belegen, dass die Arbeitsbedingungen pauschal schlechter geworden seien.

Möglicherweise hat sich vielmehr unser Umgang mit Belastungen verändert.

Menschen sprechen heute offener über psychische Gesundheit.

Sie suchen früher Unterstützung.

Sie akzeptieren Belastungen nicht mehr selbstverständlich als unvermeidbaren Bestandteil des Arbeitslebens.

Was früher häufig still ertragen wurde, wird heute eher benannt und sichtbar gemacht.

 

Verändert sich die Belastung – oder verändert sich unser Umgang mit Belastung?

Eine weitere Perspektive wird in der Diskussion häufig übersehen:

Möglicherweise verändert sich nicht nur die Belastung selbst, sondern auch unser Umgang mit Belastungen.

In vielen Organisationen beobachten wir, dass unterschiedliche Generationen Belastungen unterschiedlich wahrnehmen, bewerten und kommunizieren.

Während ältere Generationen Belastungen häufig als unvermeidbaren Bestandteil des Berufslebens betrachteten und persönliche Belastungen eher privat hielten, erleben wir bei jüngeren Generationen oftmals einen offeneren Umgang mit psychischer Gesundheit. Belastungen werden früher benannt, reflektiert und thematisiert.

Diese Entwicklung wird von manchen Beobachtern als sinkende Belastbarkeit interpretiert.

Ebenso plausibel könnte jedoch eine andere Interpretation sein:

Menschen verfügen heute über eine höhere Sensibilität für psychische Gesundheit und sind weniger bereit, gesundheitliche Folgen dauerhaft als normalen Bestandteil ihres Arbeitslebens zu akzeptieren.

Die entscheidende Frage lautet daher möglicherweise nicht:

„Sind Menschen heute weniger belastbar?“

Sondern:

„Hat sich unser Verständnis von Belastung verändert?“

Die aktuelle Forschung liefert darauf bislang keine eindeutige Antwort. Vieles spricht jedoch dafür, dass die zunehmende Sichtbarkeit psychischer Belastungen sowohl mit tatsächlichen Veränderungen der Lebens- und Arbeitswelt als auch mit einer veränderten gesellschaftlichen Wahrnehmung zusammenhängt.

Für Organisationen bedeutet das:

Wer psychische Gesundheit fördern möchte, sollte nicht nur Arbeitsbedingungen betrachten, sondern auch verstehen, dass verschiedene Generationen Belastungen unterschiedlich erleben, ausdrücken und bewältigen.

Was für die eine Generation als normale Herausforderung gilt, kann für eine andere bereits eine relevante Belastung darstellen – und umgekehrt.

Psychische Gesundheit entsteht deshalb nicht nur im Zusammenspiel von Person und Organisation, sondern immer auch vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Entwicklungen und kultureller Veränderungen.

 

Die Gefahr einfacher Erklärungen

In der Praxis begegnen uns häufig zwei gegensätzliche Sichtweisen.

Sichtweise 1:

Die Menschen sind das Problem.

Sie seien weniger belastbar, empfindlicher oder schneller überfordert als frühere Generationen.

Sichtweise 2:

Die Organisationen sind das Problem.

Psychische Belastungen seien vor allem Folge schlechter Strukturen und Rahmenbedingungen.

Beide Sichtweisen greifen aus unserer Sicht zu kurz.

Psychische Gesundheit entsteht weder ausschließlich in der Person noch ausschließlich im System.

Sie entsteht im Zusammenspiel individueller, sozialer, gesellschaftlicher und organisationaler Faktoren.

Vielleicht müssen wir die klassische Betrachtung von Verhaltens- und Verhältnisprävention sogar erweitern.

Denn zwischen Mensch und Organisation wirkt immer auch das gesellschaftliche Umfeld:

  • Wertewandel
  • Digitalisierung
  • soziale Medien
  • Generationenunterschiede
  • wirtschaftliche Unsicherheiten
  • kulturelle Entwicklungen

Gerade diese Wechselwirkungen bestimmen zunehmend, wie Menschen Belastungen erleben und wie Organisationen darauf reagieren.

 

Was bedeutet das für Organisationen?

Organisationen sollten psychische Belastungen weder ausschließlich individualisieren noch ausschließlich strukturell erklären.

Resilienzförderung kann sinnvoll sein.

Führungskräfteentwicklung kann sinnvoll sein.

Gesundheitsförderung kann sinnvoll sein.

Gleichzeitig sollten Organisationen bereit sein, ihre eigenen Rahmenbedingungen kritisch zu reflektieren:

  • Welche Zielkonflikte erzeugen wir?
  • Welche Erwartungen sind realistisch?
  • Welche Belastungen sind unvermeidbar?
  • Welche Belastungen entstehen durch Strukturen und Prozesse?
  • Welche Ressourcen stehen tatsächlich zur Verfügung?

Ebenso wichtig erscheint die Frage:

Welche Belastungen entstehen außerhalb der Organisation und wirken dennoch in sie hinein?

Psychische Gesundheit beginnt nicht erst bei der Bewältigung von Belastungen.

Sie beginnt häufig bereits bei der Gestaltung von Arbeit, Führung und Zusammenarbeit.

 

Fazit

Die Frage, warum psychische Belastungen zunehmen, lässt sich nicht mit einer einzigen Ursache beantworten.

Die aktuelle Forschung diskutiert mehrere Einflussfaktoren:

  • Veränderungen der Arbeitswelt
  • gesellschaftlicher Wandel
  • höhere Komplexität
  • bessere Diagnostik
  • Enttabuisierung psychischer Erkrankungen
  • individuelle Unterschiede in Belastbarkeit und Ressourcen
  • unterschiedliche generationale Sichtweisen auf Belastung und Gesundheit

Vielleicht liegt die entscheidende Frage deshalb nicht darin, ob die Verantwortung bei den Menschen oder bei den Strukturen liegt.

Vielleicht sollten wir vielmehr verstehen wollen, wie Individuum, Organisation und gesellschaftliches Umfeld zusammenwirken.

Denn genau dort entsteht psychische Gesundheit – und genau dort entstehen auch psychische Belastungen.

 

Wie denken Sie in Ihrer Organisation darüber?

Im Gespräch einordnen

 

Literatur & fachliche Bezugspunkte

DAK-Gesundheit

  • Psychreport 2024
  • Psychische Erkrankungen in der Arbeitswelt

Techniker Krankenkasse

  • Gesundheitsreport
  • Gesundheitsreport Psychische Gesundheit

Robert Koch-Institut (RKI)

  • Psychische Gesundheit und psychische Störungen
  • Gesundheitsberichterstattung des Bundes

DGPPN

  • Basisdaten Psychische Erkrankungen in Deutschland

Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA)

  • Psychische Belastung bei der Arbeit
  • Stressreport Deutschland

Initiative Gesundheit und Arbeit (iga)

  • Wissenschaftliche Reports zu psychischer Gesundheit und Arbeitswelt

WHO – World Health Organization

  • Mental Health at Work
  • World Mental Health Reports

 

Hinweis

Die Forschungslage erlaubt derzeit keine monokausale Erklärung steigender psychischer Belastungen. Der Beitrag versteht sich daher bewusst als Einordnung und Diskussionspapier. Ziel ist nicht die Suche nach Schuldigen, sondern ein differenzierter Blick auf die Wechselwirkungen zwischen Mensch, Organisation und Gesellschaft.

 

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