Organisation & Struktur

Zwischen Verantwortung und Unsicherheit: 
Wie Personalentwicklung mit psychischer Belastung im Unternehmen umgehen kann

Zwischen Verantwortung und Unsicherheit

Psychische Belastung am Arbeitsplatz ist längst kein Randthema mehr. Für viele Organisationen gehört sie heute zum Alltag - mal sichtbar, oft aber auch unterschwellig. 

Während sich der Blick häufig auf Mitarbeitende und Führungskräfte richtet, gibt es eine Gruppe, die in diesem Zusammenhang oft übersehen wird: Personalentwickler:innen.

Dabei stehen sie an einer zentralen Schnittstelle. 

 

Personalentwicklung zwischen den Stühlen

Personalentwickler:innen sind häufig diejenigen, die gefragt sind, wenn es um den Umgang mit Belastung geht:

  • Sie konzipieren Programme zur Gesundheitsförderung
  • Sie begleiten Führungskräfte in herausfordernden Situationen
  • Sie entwickeln Formate für Zusammenarbeit, Kultur und Führung

Und gleichzeitig erleben viele von ihnen eine gewisse Ambivalenz:

  • Wie viel Nähe ist sinnvoll – und wo beginnt Überforderung?
  • Wie kann ich Führungskräfte unterstützen, ohne selbst zur „Auffangstelle“ zu werden?
  • Welche Haltung ist im Unternehmen eigentlich gewünscht – und welche wird gelebt?

Diese Fragen lassen sich selten eindeutig beantworten.

„Wir merken immer häufiger, dass wir als Personalentwicklung bei psychischen Belastungen gefragt sind – aber oft ohne klare Orientierung, was unsere Rolle dabei eigentlich ist.“

- Leiterin Personalentwicklung einer Krankenkasse

 

Die doppelte Herausforderung

Personalentwickler:innen bewegen sich oft in einem Spannungsfeld aus zwei Ebenen:

1. Die eigene Belastung

Personalentwickler:innen sind nicht nur Begleiter:innen von Belastung – sie sind selbst Teil des Systems.

In Gesprächen mit Führungskräften oder Mitarbeitenden werden sie immer wieder mit herausfordernden Situationen konfrontiert: Überforderung, Konflikte, Unsicherheiten im Umgang mit psychischer Belastung. Gleichzeitig wird von ihnen erwartet, Orientierung zu geben und Lösungen mit anzustoßen.

Oft entsteht dabei eine zusätzliche, wenig sichtbare Belastung:

  • die Verantwortung, „gut zu begleiten“
  • das Aushalten von Unsicherheit
  • der eigene Anspruch, wirksam zu sein
  • und nicht zuletzt der ganz normale Arbeitsdruck im eigenen Aufgabenfeld

So bewegen sich viele Personalentwickler:innen in einer Doppelrolle – als professionelle Unterstützer:innen und gleichzeitig als selbst Betroffene im System.

 

2. Die organisationale Verantwortung

Gleichzeitig tragen sie Verantwortung dafür, Strukturen zu schaffen, die einen guten Umgang mit Belastung ermöglichen:

  • Führungskräfte befähigen
  • Orientierung geben
  • Räume für Reflexion schaffen

Das erfordert nicht nur Konzepte – sondern auch Sicherheit im eigenen Handeln.

 

Führung unterstützen - aber wie?

Ein zentraler Hebel liegt in der Begleitung von Führungskräften.

Denn sie sind meist die ersten Ansprechpartner für Mitarbeitende in belastenden Situationen – und erleben dabei oft selbst Unsicherheit:

  • Was darf ich ansprechen?
  • Wo sind meine Grenzen?
  • Wie bleibe ich handlungsfähig?

Personalentwicklung kann hier viel bewirken – zum Beispiel durch:

  • Qualifizierung im Umgang mit psychischer Belastung
  • Fallbezogene Reflexion
  • Klärung von Rollen und Verantwortlichkeiten

Doch auch hier zeigt sich:
Standardformate stoßen schnell an ihre Grenzen, wenn es um komplexe, reale Situationen geht.

„Viele Führungskräfte erwarten von uns Antworten – dabei sind wir oft selbst noch dabei, den richtigen Umgang mit diesen Themen zu finden.“

- Personalentwickler einer Berufsgenossenschaft

Der oft fehlende Raum: Reflexion auf Augenhöhe

Was in vielen Organisationen fehlt, ist ein geschützter Raum für Personalentwickler:innen selbst:

  • um eigene Fälle zu besprechen
  • um Unsicherheiten zu reflektieren
  • um die eigene Rolle zu klären

Ein Raum, in dem nicht sofort Lösungen erwartet werden – sondern zunächst Verstehen möglich ist.

Formate wie Supervision oder kollegiale Fallberatung sind hier besonders wirksam. Sie ermöglichen:

  • Perspektivwechsel
  • Entlastung
  • professionelle Weiterentwicklung

Und vielleicht noch wichtiger:
Sie tragen dazu bei, dass Personalentwicklung ihre Rolle langfristig stabil und wirksam ausfüllen kann.

„Was uns fehlt, ist ein Raum, in dem wir unsere eigenen Fälle besprechen können – ohne direkt Lösungen liefern zu müssen.“

- Personal- und Organisationsentwicklerin einer Krankenkasse

 

Ein Thema, das mehr Aufmerksamkeit verdient

Der Umgang mit psychischer Belastung ist keine Einzelmaßnahme – sondern eine dauerhafte Aufgabe für Organisationen.

Personalentwickler spielen dabei eine Schlüsselrolle.
Gleichzeitig brauchen auch sie Unterstützung, um dieser Rolle gerecht werden zu können.

Die Erfahrung aus unserer Arbeit zeigt:
Dort, wo Personalentwicklung selbst Räume für Reflexion und Austausch hat, entsteht oft auch mehr Klarheit und Wirksamkeit im gesamten System.

 

Ein Impuls zum Weiterdenken

Vielleicht lohnt es sich, folgende Fragen mitzunehmen:

  • Wo haben Personalentwickler in Ihrer Organisation Raum für eigene Reflexion?
  • Wie werden sie im Umgang mit psychischer Belastung unterstützt?
  • Und was würde sich verändern, wenn es hierfür strukturierte Formate gäbe?

Der Umgang mit psychischer Belastung beginnt nicht erst bei den Mitarbeitenden – sondern auch bei denen, die Organisationen gestalten.

Und genau dort liegt eine oft unterschätzte Chance.

 

Wie gehen Sie in Ihrer Organisation aktuell mit psychischer Belastung um – und welche Rolle spielt dabei die Personalentwicklung?

Wenn Sie diese Fragen einmal gemeinsam reflektieren möchten, kommen wir gern mit Ihnen ins Gespräch.

Im Gespräch einordnen

 

Literatur & fachliche Bezugspunkte

Wer sich vertiefend mit dem Thema beschäftigen möchte, findet in folgenden Veröffentlichungen hilfreiche Perspektiven:

  • BKK Dachverband / Springer Gabler Verlag. Fehlzeiten-Report (2023) – Entwicklungen rund um psychische Belastung 
  • Erich Schmidt Verlag (2025) - Gefährdungen durch psychische Belastungen bei der Arbeit vermeiden
  • Matthias Burisch (2018) - Gesund führen 
  • Rudi Wimmer & Hans A. Wüthrich (1996) – Praktische Organisationswissenschaft
  • Fritz B. Simon (1997) – Einführung in die systemische Organisationstheorie

 

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